• Piroska Gavallér-Rothe

10 Jahre Lockdown?

Aktualisiert: Apr 13

Wie Sie mit Bedürfnisorientierung neurobiologische Auswirkungen der Corona-Krise stoppen können


Laut Hirnforscher Gerald Hüther kann eine langfristige Verdrängung vitaler Bedürfnisse zu neurobiologischen Veränderungen des Gehirns führen. Besonders gefährdet sind hierbei Kinder. Sie haben ein anderes Zeitgefühl. Deshalb erleben sie das Jahr der Corona-Krise als besonders lang. Hier erfahren Sie, wie Bedürfnisorientierung diesen neurobiologischen Veränderungen entgegenwirken kann. Sie erfahren auch, weshalb hierbei das Konzept der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ so bedeutend ist. Am Ende des Artikels finden Sie zwei praktische Übungen, mit welchen Sie Bedürfnisbewusstsein bei Kindern fördern und stärken können - aber auch bei sich selbst und anderen Menschen.


Corona feiert Geburtstag


Etwas mehr als ein Jahr ist es nun her, dass der COVID-19 Virus uns Menschen in seinen Fängen hält. Schon für Erwachsene ist dieses Jahr der Einschränkungen herausfordernd genug. Für Kinder jedoch sind die Auswirkungen weitaus gravierender:


In Gerald Hüthers Gastbeitrag in der NZZ vom 19.12.2010 ist zu lesen, dass ein Jahr für ein siebenjähriges Kind in etwa so lange sei wie zehn Jahre für einen 70jährigen Menschen. Auf die Corona-Krise übertragen bedeutet dies: Die Einschränkungen des letzten Jahres wirken auf ein siebenjähriges Kind in etwa so, als wären Erwachsene – salopp gesagt – ganze zehn Jahre in einem Lockdown gefangen.

Die Corona-Krise macht auch vor dem Hirn nicht Halt


Laut Hüther wirkt sich die Corona-Krise auch neurobiologisch aus: So würden bei einer langfristigen Verdrängung vitaler Bedürfnisse (und wir lernen: ein Jahr ist für Kinder sehr sehr lang…) die für die Entstehung dieser Bedürfnisse zuständigen Bereiche und Netzwerke im Gehirn mit hemmenden Verschaltungen der Nervenzellen überbaut.


Wie Hüther eindrücklich ausführt, kämen Menschen aufgrund dieser hemmenden Verschaltungen nur noch schwer in Verbindung mit ihren Bedürfnissen und damit ihrer vitalen Lebenskraft und – letztlich – ihrem menschlichen Wesen. Mit den anhaltenden Einschränkungen der Corona-Krise wachse die Gefahr, dass insbesondere Kinder ihre Bedürfnisse nach und nach nicht mehr spürten. Im Ergebnis führt dies zu einer zunehmenden Motivationslosigkeit, die Hüther mit folgenden Worten beschreibt: „Sogar ihre angeborene Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten ist dann verschwunden. Auch jene am gemeinsamen Tanzen, Singen, Musizieren, am Fussballspielen und Herumtoben. Eine Theatervorführung oder ein Konzert wollen solche Kinder dann auch nicht mehr besuchen.“

Nach meinem Verständnis stellt Hüther in diesem Beitrag unter anderem auch die neurobiologische Dimension der aus der Psychologie bekannten Phänomene der Verdrängung bzw. Abspaltung dar. Dieser neurobiologische Vorgang birgt aus meiner Sicht eine weitere große Gefahr: Die Verringerung der individuellen Empathiefähigkeit, vorausgesetzt, man definiert Empathie als die Fähigkeit, Gefühle und Bedürfnisse eines Menschen wahrnehmen zu können.

Wie kann man diesen Entwicklungen entgegenwirken?

In Anbetracht der weitreichenden Folgen, die mit der Corona-Krise einhergehen, stellt sich die dringende Frage, wie man diesen Entwicklungen entgegenwirken kann. Hierbei ist für mich Bedürfnisorientierung der entscheidende Schlüssel, der Menschen dabei hilft, mit ihrer Lebendigkeit und damit auch ihrem menschlichen Wesen in Verbindung zu bleiben. Dies gilt besonders in der Corona-Krise, aber auch ganz allgemein.

Bedürfnisorientierung als menschliche Universalkompetenz kann sich dabei auf verschiedenen Ebenen äußern: Zum einen im Kontakt mit mir selbst, zum anderen aber auch im Kontakt mit unseren Mitmenschen. Des Weiteren umfasst Bedürfnisorientierung auch die Art, wie wir in Kontakt mit unseren Mitgeschöpfen und unserer Umwelt treten. Bedürfnisorientierung hat damit auch eine soziale, ökologische, ökonomische und letztlich ethische Dimension.

Bedürfnisorientierung hilft, auch langfristig unerfüllte Bedürfnisse neuronal „lebendig“ zu halten

Insbesondere in Zeiten des Mangels (wie bspw. der aktuellen Corona-Krise), in denen vitale Bedürfnisse (wie z.B. Gemeinschaft, körperliche Nähe, Entdecken und Erforschen, Spiel und Spass, Leichtigkeit oder Freiheit) nicht oder nicht ausreichend erfüllt werden, ist Bedürfnisorientierung essenziell, um auch langfristig unerfüllte Bedürfnisse neuronal lebendig zu halten.



Wie allerdings sieht Bedürfnisorientierung aus im persönlichen Alltag – ganz grundsätzlich, insbesondere aber im Kontakt mit Kindern, die primär Leidtragende der aktuellen Situation sind?




Bedürfnisorientierung ist ein zentraler Aspekt des von mir in meinem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschriebenen Prozesses der Selbstbewusstwerdung (vgl. S. 116 bis 157) und integraler Bestandteil des Prozessschrittes der Selbstverbindung.



Was bedeutet Bedürfnisorientierung?


Im Grunde geht es bei der Bedürfnisorientierung darum, in Kontakt mit unseren Bedürfnissen zu kommen – unabhängig davon, ob sie sich gerade erfüllen oder nicht erfüllen. Hierbei spielen nicht nur das bewusste Würdigen und Feiern von erfüllten Bedürfnissen eine wesentliche Rolle, sondern auch das Bedauern und Betrauern von unerfüllten Bedürfnissen. Das Bedauern und Betrauern sind nach meinem Verständnis alternative innere Prozesse zu resignativen Verhaltensweisen, die in ihrer Konsequenz den von Hüther beschriebenen neurobiologischen Abkapselungsprozesses bedingen. Auch wenn das Bedauern und Betrauern erst einmal schmerzhafter sind als zu resignieren und emotional „auf Tauchstation“ zu gehen – im Prozess des Bedauerns und Betrauerns bleiben wir in bewusster Verbindung mit unseren Bedürfnissen und damit unserer Lebendigkeit.


Anmerkung am Rande: Einen Reflexions-Impuls zu diesem Blogbeitrag finden Sie im Friends & Follower-Bereich oder haben Sie per Mail erhalten, sofern Sie meine regelmäßigen Reflexions-Impulse bereits abonniert haben.

Die „Lebendige Energie von Bedürfnissen“

Der Prozess des Bedauerns und Betrauerns wird umso befreiender und heilsamer, je mehr es gelingt, in die „Lebendige Energie von Bedürfnissen“ einzutauchen. Das Konzept und der Begriff „Lebendige Energie von Bedürfnissen“ wurde maßgeblich von dem US-amerikanischen Psychotherapeuten und Trainer für Gewaltfreie Kommunikation Dr. Robert Gonzales geprägt. Ich selbst habe einige Jahre intensiv bei Robert Gonzales gelernt. Sein Konzept der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ ist über die Jahre auch zu einem ganz wesentlichen Bestandteil meiner eigenen Arbeit mit Menschen geworden. Wie die Arbeit mit der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ zum Beispiel eine Beziehungskrise vermeiden lässt oder eigene Prozesse und die professionelle Arbeit mit Menschen (insbesondere im Kontakt mit dem Inneren Kind oder traumatisierten Anteilen) bereichern kann, habe ich in meinem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ an verschiedenen Stellen ausführlich und praxisorientiert dargelegt.


Durch Lebensenergie gespeiste Motivationskraft


Gelingt es uns, in die „Lebendige Energie von Bedürfnissen“ einzutauchen, wachsen Bedürfnisse aus den sie beschreibenden abstrakten Begrifflichkeiten heraus. Mit anderen Worten: Bedürfnisse werden so zu viel mehr als eine Vokabel auf irgendeiner Bedürfnis-Liste. In Verbindung mit ihrer lebendigen Energie verwandeln sich Bedürfnisse zu einer elementaren Wirkkraft. In Anlehnung an Robert Gonzales werden sie zu einer von unserer Lebensenergie gespeisten Motivationskraft, durch die das – in allem Lebendigen verborgene – Leben sehnsuchtsvoll nach Erfüllung drängt.


Damit dockt das Konzept der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ klar an den Erkenntnissen der Neurobiologie an. Auch aus neurobiologischer Sicht sind Bedürfnisse vitale Motivationsfaktoren. Ihre neuronale Repräsentanz haben sie deshalb in den Motivationszentren des Gehirns. Genau deshalb findet die beschriebene neuronale Umschließung von Hirnarealen bei einer langfristigen Verdrängung von Bedürfnissen auch in den Motivationszentren des Gehirns statt und nicht anderorts im Gehirn. Und genau deshalb ist die Kompetenz zu bedürfnisorientierter Interaktionsgestaltung so wichtig – für uns selbst, vor allem aber im Kontakt mit Kindern.



Ein Quell der Lebendigkeit


Je mehr Menschen in die Sehnsuchts- und Lebenskraft ihrer Bedürfnisse eintauchen können, umso lebendiger wird die körperliche Wahrnehmung dieser Bedürfnisse und damit auch der Mensch unabhängig davon, ob sich Bedürfnisse tatsächlich erfüllen oder auch nicht. Mit der Aktivierung der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ können wir so resignativ verdrängte Bedürfnisse aus ihrem „Dornröschenschlaf“ wecken. Gerne vergleiche ich die Aktivierung der „Lebendigen Energie von Bedürfnissen“ mit einer Massage, bei der verspannte Körperareale durch gezielte Interventionen wieder empfindsam und damit lebendig werden.

Bedürfnisorientierte Interaktionsgestaltung mit Kindern – und auch ohne


1. Pflegen Sie eine Kultur des Feierns sowie des Bedauerns und Betrauerns

Kultivieren Sie das bewusste Feiern von erfüllten Bedürfnissen ebenso wie das bewusste Bedauern und Betrauern von unerfüllten Bedürfnissen. Sie können hieraus zum Beispiel ein abendliches Ritual machen – zum Beispiel nach dem Abendessen. Jede und jeder aus der Familie und ggf. auch anwesende Gäste bekommen Raum, um sich mitteilen zu können bezüglich folgender Fragen:


Was habe ich heute Erfüllendes und Schönes erlebt und welche erfüllten Bedürfnisse feiere ich deshalb heute?


Was hat sich heute nicht erfüllt und welche unerfüllten Bedürfnisse möchte ich deshalb heute bedauern und betrauern?


Sind sie alleine, dann machen Sie die Übung dennoch für sich. Am besten ist, Sie sprechen das, was Sie feiern oder bedauern und betrauern möchten laut aus und notieren es zusätzlich in beispielsweise einem Notizbuch.



2. Üben Sie sich im bedürfnisorientierten Spiegeln


Stellen Sie sich vor: Ihr Kind, acht Jahre, kommt nach Hause und erzählt unter Tränen: „… und dann hat der Tim vor allen Kindern gesagt, dass ich letztes Jahr auf seiner Geburtstagsfeier in die Hose gemacht habe!“

Gleichgültig in welcher Rolle (Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Paten etc.) Menschen im Kontakt mit Kindern sind: Sind Kinder frustriert oder traurig, wählen wir häufig wenig bedürfnisorientierte Bewältigungsstrategien. Hierzu zählen insbesondere:


Kleinreden des Erlebten („Dann ist es sicher nicht mehr ganz so schlimm…“) wie zum Beispiel: „Das war wirklich gemein von Tim, dass er so etwas gesagt hat… ich bin mir aber sicher - spätestens übermorgen haben das die Kinder garantiert schon vergessen…“ Lösungsorientierte Interventionen („Da muss man doch was machen!“) wie zum Beispiel: „Das war wirklich gemein von Tim – lass uns aber mal jetzt schauen, wie du das morgen gut mit ihm lösen kannst…“


Gut gemeinter Aktionismus („Das muss ich sofort unterbinden!“) wie zum Beispiel:

„Ich rufe gleich mal Tims Mutter an und sage ihr, dass so ein Verhalten gar nicht geht!“


All dies sind übliche, allerdings auch wenig empathische Reaktionen. Versuchen Sie stattdessen doch das nächste Mal Ihr Kind bedürfnisorientiert zu spiegeln. Gerne können Sie hierfür auch die Bedürfnisliste nutzen, die Sie im Friends & Follower-Bereich finden.


Eine bedürfnisorientierte Vermutung könnte beispielsweise so klingen:

„Wenn du das gerade so erzählst… geht es dir darum, dass du gemocht und ernstgenommen wirst?“


Womöglich klingt dieser Beispielsatz vor dem Monitor sitzend gelesen etwas befremdlich. Je mehr allerdings die „Lebendige Energie der Bedürfnisse“ diesen Satz durchwirkt, umso authentischer und anschlussfähiger wird er erfahrungsgemäß klingen.


Natürlich können Sie sich auch im bedürfnisorientierten Spiegeln üben, wenn Sie - wie übrigens auch ich - keine Kinder haben. Üben Sie in diesem Fall einfach mit den Kindern aus Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis.

Letztlich können Sie jeden Kommentar Ihrer Umwelt und auch jeden eigenen Gedanken als Sprungbrett nutzen, um Ihren Fokus darauf zu lenken, worum es auf der Bedürfnisebene letztlich geht.


Sie möchten dazulernen?


Sie haben Lust bekommen, mehr über bedürfnisorientierte Kommunikation zu erfahren oder möchten ganz konkret bedürfnisorientierte Kompetenzen in Ihren Alltag integrieren? Vielleicht möchten Sie auch herausfordernde Situationen aus Ihrem Alltag bedürfnisorientiert explorieren und erfahren, wie sie neu und stimmiger mit ihnen umgehen können?


Wie auch immer - ich habe vielfältige Möglichkeiten bereitgestellt für Sie: Vom Einführungskurs "Wertschätzend Klartext reden" über regelmäßige Übungsgruppen bis hin zu meinem neu geplanten Achtsamkeits- und Kompetenztraining und persönlicher Begleitung - wählen Sie einfach das Format, das am besten zu Ihnen und Ihrem Anliegen passt. Gerne begleite ich Sie hin zu einer Art der Kommunikation, die Freude und Verbindung schafft. Ich freue mich auf Sie!


Mehr Informationen zu den einzelnen Kursangeboten finden Sie hier.


Es grüßt Sie herzlich,

Piroska Gavallér-Rothe

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