Gesehen werden ist nicht Resonanz und weshalb wir beides brauchen

Vor knapp vier Wochen wurde das erste Mal das neue Format «Kreuz und quer» live über YouTube übertragen. Thomas Bachofner und ich unterhielten uns dabei über das Thema Resonanz in der Kommunikation. Wer Lust hat, sich das Video anzuschauen, kann das hier tun:


Weil gute Vorbereitung wichtig ist...

Einige Tage vor dem Termin hatte ich die wunderbare Möglichkeit, mit einer Teilnehmerin meines aktuellen Jahreskurses ReKA – Resilient, Kraftvoll, Achtsam eine Bedürfnismeditation zu machen. Da ich mich gut eintunen wollte auf das Gespräch, habe ich im Rahmen dieser Bedürfnismeditation das Bedürfnis nach Resonanz exploriert, die Teilnehmerin das Bedürfnis nach Gesehen werden. Da ich ihre Bedürfnismeditation extrem spannend fand, habe ich im nächsten Durchgang selbst auch eine Bedürfnismeditation auf das Bedürfnis nach Gesehen werden gemacht.


So ähnlich und doch nicht gleich

Hätte man mich vor der Bedürfnismeditation gefragt, wie sich das Bedürfnis nach Resonanz und das Bedürfnis nach Gesehen werden anfühlen, hätte ich diese Frage - aus dem Kopf heraus beantwortet - und vermutlich gesagt: «Sehr ähnlich». Denn irgendwie steht bei beiden Bedürfnissen ein individuelles Ich im Mittelpunkt, das ungeteilte Aufmerksamkeit erfährt.


Insofern war ich im ersten Moment sehr überrascht, als ich bei meinen Bedürfnismeditationen festgestellt habe: Bei aller theoretischen Ähnlichkeit fühlen sich die beiden Bedürfnisse ganz schön unterschiedlich an. Während nämlich Resonanz sich ganz warm und weich anfühlt bei mir, so habe ich mich beim Gesehen werden ganz aufgestellt gefühlt. So bin ich dann auch zu dem Schluss gekommen:


"Gesehen werden stellt auf, Resonanz verbindet."


Und was bedeutet das genau?

Gesehen werden fördert meine Selbstwahrnehmung, schafft Klarheit, worum es mir geht und was mich bewegt. Im Gesehen werden werde ich zu einem individuellen Wesen. Gesehen werden bedeutet wahrgenommen werden in meinem So-Sein, den Konturen meiner Persönlichkeit, meinen Ecken und Kanten. Im Gesehen werden wachse ich, werde im besten Fall sogar erwachsen. Und in diesem Assoziationsraum fällt mir auch Martin Buber ein, der sein Erziehungsverständnis (oder eher Beziehungsverständnis) in folgende Worte fasst:


«Der Mensch wird am Du zum Ich.»

Im Kontext des Gesehen werdens verstehe ich Martin Buber wie folgt: Damit ein Mensch zum Individuum heranwachsen kann, braucht es ein Du, das ihn wahrnimmt und ihn sieht. Erst in der Wahrnehmung durch einen anderen Menschen kann sich der Mensch nach und nach als individuelles Wesen erfahren, Bewusstsein für sein Ich-Sein stärken. Bewusstsein für das Ich-Sein schafft im besten Fall Selbstvertrauen und ist die Basis für ein kraftvolles, präsentes Dasein. Im Sinne von «Wertschätzend Klartext reden» stärkt Gesehen werden die Teile in uns, die wir brauchen, um in die Klartext-Qualität hineinzuwachsen.


Auch Resonanz braucht das Du

Resonanz setzt auf einer tieferen Ebene an. Auch Resonanz erfährt der Mensch in seiner frühen Entwicklung primär durch andere Menschen, also einem Du. Im Falle der Resonanz geht es aber nicht um das Gesehen werden durch das Du, sondern darum, durch das Du in dem erfasst zu werden, was das Ich auf der Ebene seiner Lebendigkeit bewegt. Mit einem Menschen in Resonanz zu gehen bedeutet für mich, den jeweiligen Menschen insbesondere in seinen Gefühlen, noch viel mehr aber in seinen Bedürfnissen und damit seiner Lebenssehnsucht wahrnehmen zu können. Resonanz bedeutet, sich mit der (huch, jetzt bitte nicht erschrecken, was gleich kommt klingt womöglich esoterisch, ist es aber nicht:) "Schwingungsenergie" der jeweiligen Lebenssehnsucht emotional verbinden zu können und dabei mitzuschwingen mit meinem Gegenüber (häufig sogar dann, wenn das Gegenüber noch gar nicht selbst am Schwingen ist; das ist aber ein anderer Aspekt, über den ich zu einer anderen Zeit schreiben möchte).


Ich bin Du und Du bist ich

Nach meinem Erleben stärkt Resonanz mich in meiner Selbstwahrnehmung als fühlendes und lebendes Wesen. Resonanz bringt mich in Verbindung mit meiner Lebendigkeit und mit der Lebendigkeit jedes anderen Wesens, das sich nach dem selben sehnt wie ich. Während beim Gesehen werden der Mensch mehr und mehr in sein Ich-Sein hineinwächst, eröffnet Resonanz eine weitere Wahrnehmungsebene: Auf dieser Ebene beginnen sich die Grenzen zwischen dem Ich und dem Du aufzulösen: Ich erkenne mich in Dir, während Du Dich in mir erkennst. Und zusammen erkennen wir, wie wir gemeinsam mit allen anderen lebendigen Wesen eingebettet sind in das große Wunder des Lebens.


Auch wenn ich es kognitiv noch nicht wirklich verorten kann, spüre ich sehr deutlich, dass dieses tiefe Resonanzerleben im Kontext von «Wertschätzend Klartext reden» ganz wesentlich ist, wenn wir in eine wahrhaft wertschätzende Haltung hineinwachsen möchten.

Und was bedeutet das für Dich?

Vielleicht magst Du an dieser Stelle reflektieren, in welchen Kontexten und in welchen Umfeldern Du in Deinem Leben ein wohltuendes Maß an Gesehen werden und auch Resonanz erlebst. Wenn Du magst, so freue ich mich, wenn Du das auch mit mir teilst – einfach, weil ich gerne dazu lerne und meinen Erfahrungshorizont erweitern mag.


Und falls Du merken solltest, dass Du Dich nach mehr Gesehen werden und Resonanz sehnst, als Du in Deinem Leben erfährst: In einem meiner nächsten Blogs werde ich auch darüber schreiben, wie wir uns selbst ein wohltuendes Umfeld erschaffen können, in dem sich ein Mehr an Gesehen werden und Resonanz für uns erfüllen.

Herzliche Grüße und bis bald,

Piroska


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