• Piroska Gavallér-Rothe

Sind wir nicht alle ein bisschen Lotta?

Von der Psycho-Logik eines Hundes und was wir daraus lernen


In meinem letzten Reflexions-Impuls und Blog habe ich beschrieben, wie wichtig Bedürfnisbewusstsein im Kontakt mit Kindern ist, auch wenn es darum geht, möglichen neurobiologischen Folgen der Corona-Krise entgegenzuwirken (zum Blogeintrag geht es hier). Heute möchte ich einen überraschenden Impuls von Saskia Martin teilen. Saskia bin ich im Rahmen meiner Konfliktkompetenz-Kurse an der Uni Tübingen begegnet, besser kennengelernt habe ich sie in meinem GFK-basierten Jahreskurs für Studierende und Berfuseinsteiger*innen. Auch heute noch darf ich Saskia im Rahmen einer meiner GFK-Übungsgruppen und bei dem einen oder anderen persönlichen Coaching begleiten. An Saskia schätze ich ihre tiefe Inspiration für die GFK und ihr ernsthaftes Bestreben, alle Bereiche ihres Lebens aus der Haltung der GFK zu gestalten, sehr. Gleichzeitig hat Saskia die Gabe, Sachverhalte sowohl sehr differenziert als auch einfühlsam aus der Haltung der GFK zu betrachten. So ist sie über die Zeit zu einer von mir sehr geschätzten Sparringspartnerin und lieben Weggefährtin geworden.


In der letzten Übungsgruppe erzählte Saskia, dass sie durch eine konsequent bedürfnisorientierte Betrachtungsweise auf das Verhalten ihres Hundes Lotta ein sehr eindrückliches Erlebnis hatte. Auch wir waren nach Saskias Erzählung allesamt sehr beeindruckt, so dass ich spontan die Idee hatte, Saskias zu bitten, ihre Geschichte für diesen Blog niederzuschreiben. Ich freue mich und bin sehr dankbar, dass Saskia sich hierzu bereit erklärt hat.


Saskia:


„Unsere Lotta kam 2019 im Alter von 5 Monaten durch den Tierschutz aus Rumänien zu uns. Auch wenn Lotta vermutlich nicht misshandelt wurde, so war sie doch äußerst ängstlich und unsicher. Sobald sie in einer für sie gefährlich erscheinenden Situation war, ergriff Lotta die Flucht.


Mit viel Geduld und Liebe haben wir Lotta dabei unterstützt, sich gut einzuleben. Die alltäglichen Reize ihrer Umgebung machen ihr inzwischen keine Angst mehr und sie rennt auch nicht mehr panikartig davon. Allerdings hat Lotta nach der Pubertät beschlossen, aus ihrer Sicht kritisch erscheinende Situationen selbst zu regeln. Das bedeutet konkret: Lotta hat es sich angewöhnt, etwa neun von zehn Hunden und auch Menschen anzubellen – und das teilweise aus 100 Metern Entfernung!


Weil dieses Verhalten nicht nur für Lotta, sondern auch für uns sehr stressbesetzt ist, haben wir mittlerweile viele verschiedene Trainingsstrategien ausprobiert – immer in der Hoffnung, endlich eine zu finden, die es Lotta ermöglicht, das Bellen einzustellen. Die beste Herangehensweise war bislang: Taucht ein möglicher Außenreiz auf, wird Lotta zur Seite genommen, wir wenden uns ihr zu, nehmen Blickkontakt mit ihr auf und lenken sie mithilfe eines Leckerchens ab. Das hat bislang mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Inzwischen klappt auch das nicht mehr und Lotta bellt wieder – trotz Ablenkung und Leckerlis.

Nachdem es immer schlimmer wurde, unser Hundetrainer keine Zeit hatte und ich dringend nach einem neuen hilfreichen Impuls suchte, schaute ich diverse YouTube Videos zum Thema Angsthunde an. Ein Tipp in diesen Videos war, dass man den Hund hinter seinem Rücken platzieren solle, statt ihn anzuschauen und damit dem kritischen Außenreiz den Rücken zuzuwenden.

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wenn ich Lottas Unbehagen und ihr hierin verstecktes Bedürfnis nach physischer Sicherheit ernst nehme – dann ist ganz klar, dass Lotta wirklich darauf vertrauen möchte, dass wir die anderen Hunde wegschicken, wenn sie ihr zu nahe kommen und niemanden zu ihr lassen, der ihr unheimlich erscheint.

Wie jedoch können wir Lotta wirksam schützen, wenn wir mit dem Rücken zu der vermeintlichen Gefahrenquelle stehen? Für Lotta macht das offensichtlich absolut keinen Sinn, denn natürlich müssen ihre Führungspersonen die potenzielle Gefahr fest im Blick haben, um sie bei Bedarf abwehren zu können! Dass Lotta bei einem solchen Verhalten, wie wir es bis dato praktizierten, psycho-logisch notgedrungen das Regiment übernimmt, verwundert mich jetzt kein bisschen mehr.

Gleich bei unserem nächsten Spaziergang habe ich die Methode getestet und siehe da: Lotta bellt nur noch etwa bei zwei von zehn Hundebegegnungen. Ein aus meiner Sicht voller Erfolg. Die neue Strategie scheint ihr Bedürfnis nach physischer Sicherheit weitaus mehr zu erfüllen als die Ablenkung durch Leckerlis. Mir ist klar, dass wir noch lange nicht am Ende des Prozesses sind. Wenn der Weg allerdings das Ziel ist, werden Lottas Bedürfnisse meine Wegweiser sein für die Interaktionsgestaltung mit ihr. Mit einer konsequenten Bedürfnisorientierung auch in der Mensch-Tier Kommunikation bin ich nach den Erfahrungen der letzten Tage sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit Lotta irgendwann Spaziergänge voller Leichtigkeit, Entspanntheit und Spaß erleben werden.“



Einen Reflexions-Impuls ganz nach dem Motto: „Sind wir nicht alle ein bisschen Lotta?“ finden Sie im Friends & Follower-Bereich oder haben Sie per Mail erhalten, sofern Sie meine regelmäßigen Reflexions-Impulse bereits abonniert haben. Dort finden Sie auch weiteres nützliches Material rund um das Thema „Wertschätzend Klartext reden“ zum Herunterladen und Ausprobieren.


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Gerne begleite ich Sie auch persönlich auf Ihrem Weg hin zu gelingender Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Neben dem nächsten Online-Einführungs-Kurs zu "Wertschätzend Klartext reden", der am 10. Mai beginnt, gibt es auch weiterführende Angebote zum Vertiefen, Üben und zur gezielten Bearbeitung von persönlichen Themen. Ein Blick in meinem Seminarkalender lohnt sich. Ich freue mich auf Sie!


Es grüßt Sie herzlich,

Piroska Gavallér-Rothe

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